Der weltgrößte Online-Händler Amazon ist seit gut zwei Wochen nach einer ARD-Dokumentation, die über den Umgang mit Leiharbeitern und deren Arbeitsbedingungen in den Logistikzentren in Deutschland berichtet hat, massiv in die Kritik geraten. Grund genug um das Thema noch mal zu thematisieren und einen kleinen Kommentar abzugeben.
Um es vorweg zu nehmen. Was sich bei Amazon in den Logistikzentren angeblich abgespielt hat, kann man nicht gut finden. Das fast ein Dutzend Leiharbeiter in kleinen Ferienwohnungen untergebracht wurden, Sicherheitskräfte die Menschen in ihren Unterkünften beobachten, kontrollieren oder diskriminiert haben, ist ein Zustand, den man so nicht hinnehmen darf. Entsprechend schnell hat sich nach der Ausstrahlung der Sendung ein Shitstorm über den Amazon-Dächern aufgebaut. Auch die Politik hat sich zu Wort gemeldet, was in Wahlkampfzeiten nahezu bei jedem Thema aktuell passiert.
Vom Gewinner in den Shitstorm
Wie schnell man vom Gewinner in einen Shitatorm gelangen kann und welche Macht die Medien durch Social Networks und den gesamten Medienaparat erhalten haben, zeigt das Beispiel Amazon sehr gut. Was mich an der gesamten Diskussion um Amazon wundert, ist die Tatsache, dass viele Menschen und insbesondere Branchenkenner nach dem Bericht verwundert wirkten, obwohl in der Vergangenheit immer wieder Mißstände aufgezeigt wurden.
So war immer mal wieder in der Vergangenheit von den wohl schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon zu lesen. So berichtete der WDR bereits Ende letzten Jahres in einem Artikel über die Zustände beim weltgrößten Online-Händler. Dort wurde unter anderem auch bereits von den Verhaltenskontrollen, die Leiharbeiter über sich ergehen lassen, berichtet. Hinzu kommen Überstunden oder die Bezahlung von nur rund 10 Euro pro Stunde.
Gehen wir noch ein paar Monate zurück, so findet man erneut einen Bericht in der Online-Ausgabe der Augsburger Zeitung. Auch hier wird auf die „menschenunwürdig“ Art und Weise, wie mit den Mitarbeitern umgegangen wird, eingegangen.
Und auch die Ruhrnachrichten berichteten bereits im März 2012 über zwei Amazon-Mitarbeiter, die über die schlechten Arbeitsbedingungen im Logistikzentrum in Werne berichteten. So berichteten zwei Mitarbeiter über den Zeitdruck und die Tatsache, 150 Pakete pro Stunde verpacken zu müssen – egal ob es sich um Bücher, CDs oder Haushaltsgeräte handelt.
Amazon – wie geht es weiter?
Die Debatte und Berichterstattung hat jedenfalls eine neue Dimension angenommen. Ob die Installation von Betriebsräten das Problem löst, wage ich zu bezweifeln. Gibt es doch einfach viel zu viele Leiharbeiter aus dem Ausland, die dankbar sind, in der Vorweihnachtszeit in Deutschland arbeiten zu dürfen und über die fragwürdigen Bedingungen hinwegsehen.
Was ebenfalls an dieser Stelle mal gesagt sein sollte, dass Amazon nicht das einzige Unternehmen ist, dem schlechte Arbeitsbedingungen im Logistikbereich nachgesagt werden. Hermes, GLS oder auch andere Unternehmen haben in der Vergangenheit mit negativen Schlagzeilen klarkommen müssen. Aus der ganzen Debatte stellt sich nun die Frage, was wird sich ändern? Wird die Politik Einfluss nehmen, müssen die Leiharbeiterfirmen nicht nur einen Codex verfolgen, sondern restriktiv und konsequent gegen „schwarze Schafe“ vorgehen?
Auch künftig wird Amazon nicht auf seine Leiharbeiter verzichten. Letztlich wird die Politik oder Gewerkschaft wenig ausrichten können. Auch wenn Vertreter der Gewerkschaft Verdi dieser Tage dem Versandhändler Amazon am Standort Bad Hersfeld eine Petition für bessere Arbeitsbedingungen übergeben hat, bleibt die Frage, ob und was sich bei Amazon ändern wird.
Amazon muss selbst reagieren, für bessere Arbeitsbedingungen sorgen und das verlorene Vertrauen zurückgewinnen. Das wird nicht leicht, zumal Amazon sich wegen der Klage von hood.de zur Preisparität am 15. Mai um 10:45 beim Landgericht Köln verantworten muss. Wir bleiben an der Sache und werden nach dem Urteil sicherlich noch mal den Initiator der Klage, Ryan Hood, um ein Statement bitten.
Den größten Einfluss glaube ich kann nicht die Politik oder Gewerkschaft ausüben, sondern der Konsument. Wer immer nur „billig“, schnell und ohne Umwege und Wartezeit sein Produkt online kaufen und geliefert bekommen möchte, wird dies weiterhin bei Amazon oder anderen Unternehmen machen. Wer bereit ist, etwas mehr zu bezahlen und vielleicht auch mal einen Tag länger auf seine Ware warten kann, sollte sich den Shop seines Vertrauens genau anschauen. Das Thema Same-Day-Delivery wird den Druck auf Logistik und Unternehmen weiter verstärken. Immer wieder und häufiger wird das Thema in den Fokus genommen. Es gibt bereits erste Unternehmen, nicht nur am Tag selbst eine Lieferung garantieren, sondern binnen 90 Minuten.
Wie die geschilderten Arbeitsbedingungen bei Amazon angeht, sind diese alles andere als schön. Viel tiefgreifender und erschreckender ist jedoch die Tatsache, dass wir in Deutschland mittlerweile zahlreiche Wanderarbeiter haben, die wie in China für eine gewisse Zeit von zu Hause weg gehen, um Arbeit anzunehmen, die sie selbst zu Hause nicht bekommen. In der ARD-Dokumentation war es beispielsweise eine Leiharbeiterin aus Spanien, die ihren Lehrerberuf in ihrer Heimat nicht ausfüllen konnte und froh ist, in Deutschland Arbeit zu bekommen. Die Arbeitsbedingungen sind in vielen Bereichen menschenunwürdig. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auch über die Arbeitsbedingungen auf den Spargelfeldern gesprochen.
Welchen Schaden Amazon nach dieser Sache nimmt, weiß keiner. Zu lesen war, dass Amazon den ausgelösten Shitstorm bereits beim Umsatz spüren würde. Ob das tatsächlich der Fall ist, können wir als Außenstehende gar nicht beurteilen. Es gab in der Vergangenheit auch Beipiele, wo negative PR dazu geführt hat, dass die Umsätze gestiegen sind. Letztlich auch egal, da es wichtig ist, das die Debatte um menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Entlohnung noch mal neuen Wind bekommen hat. Dabei geht es nicht um Amazon, sondern allgemein um die Mißstände bei uns in Deutschland. Sollte die Dokumentation als Katalysator dienen, umso besser. Zu hoffen bleibt auch, dass Amazon in diesem Beispiel pro aktiv beziehungsweise noch aktiver mit der Thematik umgeht und selbst für Verbesserungen sorgt.
Was glaubt Ihr, wie es weiter geht. Wird der Shitstorm größer, wird Amazon entsprechend reagieren und wird es Einfluss auf den Umsatz in Deutschland haben?
Kommentar zum "Fall" Amazon,
Das „Problem“ für eine „New Economy“-Firma ist eindeutigt das sie „nur“ auf dem Bein Internet steht. Das heisst wenn das Internet dich stark gemacht hat, dann kann es dich auch zum Fall bringen. Anders wäre es wenn man neben dem I-Net noch andere Standbeine hätte. Diversifikation war nie wirklich verkehrt….
Amazon kann aktuell seine „Kindle-Sofware-Warnung“ nicht über Facebook verbreiten. Werbung in sozialen!!! (paradoxes Wort im Zusammenhang mit amazon!!) Netzwerken verpufft und kehrt sich in den Gegensatz um. Sobald die erste neue richtige News über Facebook geht geht der (zugegebenermassen abgeschwächter) Shitstorm in der News erneut los. Mal sehen wie lange man in den Negativ-Schlagzeilen bleiben möchte als amazon. Die nächsten Quartalszahlen kommen bestimmt.
Ja, auf die Quartalszahlen kann man gespannt sein. Denke, dass die Auswirkung fast nicht zu sehen sein wird. Aber bin dennoch gespannt und beobachte, wie es weitergeht.